Mittwoch, 30. Dezember 2009

Nachschlag zur Feiertagsdiskussion

 ----- Original Message -----

Sent: Tuesday, December 29, 2009 12:07 PM
Subject: Nachschlag zur Feiertagsdiskussion

Hallo Rolf,

ich hoffe es hat Dir nicht die Sprache verschlagen. Wiedem auch sei, hier noch ein paar dieser merkwuerdigen Gedanken:

- Das Geld mit denen die Manager (Agents) bezahlt und auf Linie mit den Shareholder Interessen gebracht werden, ist nicht
das Geld der Shareholder, die einmalig das sog. Eigenkapital in die Firma investiert haben und evtl. Gewinne reinvestiert haben,
sondern das Geld der Kunden, die Produkte kaufen und bezahlen.
- Ein Produkt welches einen wirklichen Beitrag liefert wird immer mit Gewinn verkaufbar sein.
- Nicht jedes Produkt, das mit Gewinn verkauft wird, stellt einen wirklichen Beitrag dar.
- Das gilt insbesondere fuer sog. Finanzprodukte.
- Wenn es sinnvoller, weil lukrativer erscheint, gigantische Summen in Wetten (Nullsummenspiele) zu stecken als in wirkliche Investitionen,
die wirkliche Produkte zur Loesung wirklicher Probleme zum Ziel haben, dann stimmt etwas nicht. Insbesondere dann nicht, wenn auf der
einen Seite brennende Probleme Vieler ungeloest bleiben und auf der anderen Seite bei dem Umverteilungsspiel einige wenige ueber die
dabei entstehenden Transaktionskosten einen gigantischen Reibach machen.
- es wird immer Behauptet das Derivate (=Optionen=Wetten) keinen Einfluss auf das Underlying haben, sowie wie Sportwetten keinen Einfluss
auf den Spielausgang z.B. von Bundesliga Spielen haben (sollten). Deswegen werden an die fuehrenden Spieler im Business auch regelmaessig
Wettscheine=Optionen verschenkt. Das ist in der Bundesliga noch nicht ueblich.

Was ist eigentlich passiert:
- Es sind Illusionen zerstoert worden. Im wesentlichen die Illusion das 5 Millionen schlecht bezahlte oder arbeitslose Haeuslebauer in USA
ihre Hypothekenzinsen und Tilgungen bezahlen koennen. Und die Illusion der endlosen Wertsteigerung von Immobilien ueber Zeit und
die damit einhergehende Moeglichkeit sein sinkendes Einkommen durch sog. Home Equity Kredite aufzubessern und so den
Konsumrausch aufrecht erhalten zu koennen. 
- Es hat keine Zerstoerung von realer Hardware durch Naturkatastrophen, Krieg oder aehnliches gegeben.
- Aber leider waren es die Illusionen sehr reicher und maechtiger Menschen und Institutionen die da zerstoert wurden.
- Daher wird jetzt alles getan, die Illusion wieder herzustellen und dazu die Allgemeinheit in die Pflicht genommen.
Fachmaennisch ausgedrueckt heisst das Reinflationierung. Wertlos gewordenes Papier wird durch anderes Papier (im wesentlichen Dollar) ersetzt.
- Die Frage nach der tieferliegenden Ursache(n) der uebersteigerten Erwartungen  (=Illusionen) wird vermieden oder in eine difuse Smoke and Mirror Diskussion
mit rekursiven Kausalitaeten umgelenkt.
- Das Spiel des Kaisers neue Kleider hat aber ein Ende gefunden:
- Denn die USA sind hoffnungslos an allen Fronten (Privat, Regierung, Firmen, Aussenhandel) ueberschuldet und haben keine Chance jemals diese Schuldenberge wieder abzubauen. Pech fuer die USA und Pech fuer die Glaeubiger. Pech auch fuer alle die ueberwiegend in die USA verkauft haben.
- Damit ist das westliche Leitbild USA den Bach runter.
- Das neoliberale marktfundamentalistische Wirtschaftmodel funktioniert so nicht. Der Anschein der vergangenen Jahrzehnte es wuerde funktionieren wurde
im wesentliche durch Kredite finanziert. Die Rechnung dafuer liegt auf dem Tisch und wird wie ein schwarzer Peter hin und her geschoben.
- Der ganze neoliberale Verkaufshokuspokus mit Laffer Kurve und Trickle Down Effekt ist als unhaltbar entlarvt. Die Schauspieler Logik des Herrn Regaen, das man den Reichen mehr geben muss und den Armen weniger, damit der Laden laeuft, war nie ueberzeugend. Jetzt ist klar warum nicht.

Folgen:
- Die durch den Wienerkongress eingeleitete Restauration ist fehlgeschlagen. Die Biedermeierzeit ist vorbei. Das Volk laesst sich keine neofeudalen Strukturen aufzwingen. Die Chancen das 1848/49 sich wiederholen steigen.
- Beschwichtigungen. Beschoenigungen. Ablenkungen a la Schweinegrippe (die es zum Ende des Vietnamkriegs schon mal gab). Verteilungskaempfe. Die Versuche nochmal richtig hinzulangen bevor es richtig kracht. Angst. Absicherungsstrategien. Besinnung auf die "wirklich" werthaltigen Dinge. Gold, Immobilien, Inflationsangst,
noch mal richtig Schulden machen und in Immobilien investieren (siehe Empfehlung durch ehemaligen IBM, BDI Mann O. Henkel). Ekel vor sich selber (siehe Poullain Interview).

Sapere aude!

Georg

Montag, 28. Dezember 2009

Feiertagsdiskussionen


----- Original Message -----

Sent: Sunday, December 27, 2009 6:32 PM
Subject: Feiertagsdiskussionen

Hallo Rolf,

Vielen Dank dafuer, das Du den Handschuh diesesmal aufgenommen hast und damit eine mehr als notwendige Diskussion ermoeglichst.

Ich stimme mit Dir bezueglich der drei grundsaetzlichen Optionen Love it,Change it,Leave it ueberein.

1.) Zu "Love it" nur soviel. Hinter "Love it" steckt nicht immer wahre Liebe sondern oft Bequemlichkeit und Resignation. Die Wahl des leichten
Weges, entgegen besseren Wissens und entgegen ethischer / moralischer Bedenken ist leider ein sehr weit verbreitetes Phaenomen.
(siehe Milgram Experiment und seine Wiederholung durch Jerry Burger in Santa Clara vor etwa einem Jahren).

Das Shareholdervaluekonzept hat einen ganz wesentlichen Beitrag zu den
krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahrzehnte geleistet.
Es ist als angewandte Principal Agent Theorie fester Bestandteil der neoliberalen Ideologie und
hat seine Fundamente in den neoklassischen Wirtschaftstheorien.
Die Bewertung eines Unternehmens vorrangig ueber den Aktienmarkt und
nur indirekt ueber den Produkt- und / oder Dienstleistungsmarkt auf dem es seine
Leistungen anbietet, fuehrt zu grotesken Fehlentwicklungen.
Was so sein muss, wenn man sich klar macht, das die klassische Frage
nach dem "nachhaltigen Beitrag" umgemuenzt wird in die Frage nachdem kurzfristigen Gewinnpotential.
Die Denke wird dadurch pervertiert, das nicht mehr vorrangig gefragt wird,
ob eine Produktidee fuer Kunden = Menschen einen langfristigen Beitrag liefert,
sondern ob sie fuer anonyme Shareholder (der Grossteil der Aktien befindet sich
im institutionellen Besitz) kurzfristig profitabel erscheint.
D.h. das Milgramexperiment findet jeden Tag nicht nur im Labor sondern in Banken
und Unternehmen weltweit statt. Ueber 60% druecken die Knoepfe auf Geheiss auch
bei Bedenken. Nur 40% entscheiden sich fuer eine der beiden anderen Optionen
(Change it, Laeve it). Wenn man die 60%Knopfdruecker
nachtraeglich zur Rechtfertigung zieht, dann wird aus dem "Love it", das
was man z.B. nach dem Zusammenbruch des dritten und ewigen Reiches
erlebt hat. Angefangen von Nuernberger Prozessen bis hin zu keiner
hat etwas gewusst. (siehe auch Enron, Worldcom, Siemens, von Pierer, Hartz,
Kleinfeld, Zummwinkel, etc. etc.).

Damit ist erklaert, warum erst jetzt die Diskussion ueber die Optionen 2 und 3 ernsthaft
in Gang kommt, obwohl jeder seit mehr als 10 Jahren weiss, das irgendetwas nicht stimmt.

2a) Die Sache mit den "fehlenden", ich wuerde sagen ausgeklammerten, Gegengewichten stimmt.
Das da etwas in Bewegung kommt freut mich, denn es ist lange ueberfaellig.
Denn wenn Dinge ueber lange Zeitraeume in eine Richtung laufen,
die bestimmt ist, durch ein starres, einseitiges nicht realitaetskonformes Weltbild,
geraten sie aus der Balance. Das fuehrt in aller Regel (vorhersehbar) zu Bruechen,
die dann etwas Neues, Anderes ermoeglichen oder zu Zusammenbruechen,
an die sich dann Neuanfaenge a la 1945 anschliessen koennen aber nicht muessen.

Allerdings haben die Gegengewichte nie wirklich gefehlt. Sie waren immer da und hatten bis zu einem gewissen Zeitpunkt eine Plattform sich zu artikulieren. Diese Plattform ist dem grummelnden Volk aber schleichend entzogen worden, da eine "alte aber moderne" Fuehrung, die diese Plattform bewusst bereitgestellt hat und dazu ermutigt hat sie zu nutzen, durch eine "neue" Fuehrung abgeloest wurde, die den Sinn von artikulierungsfaehigen Gegengewichten nicht erkennen wollte oder konnte.
Unter der Fuehrung des jetzigen Unternehmensberaters ist nicht nur die inhaltliche Qualitaet der Checkpoint Meetings unter die Raeder gekommen, sondern auch eine Kultur der "gewollten Auseinandersetzung mit Gegengewichten" ist durch eine in meinen Augen komischen "Hands Off" Konsensfindungs blablabla Kultur abgeloest worden. Mit fatalen Folgen, insbesondere da dies eingebettet in eine globale Entwicklung geschah, die Gegengewichte bewusst radikal ausklammert (hoeflich ausgedrueckt).

2b) Damit waeren wir bei den "Amis". Die "Amis" gibt es so nicht. Auch in den USA leben Menschen. Allerdings unter einer Fuehrung, und damit meine ich nicht nur die politische Fuehrung, die sich seit Reagan einem
radikalen neoliberalen Marktfundamentalismus verschrieben hat. Historisch betrachtet hoch interessant, das ausgerechnet die Nachfahren derjenigen, die den feudalen Exzessen Europas entflohen sind und den ersten modernen Staat mit einer demokratischen Verfassung gegruendet haben,
massenhaft bereit sind, einer solchen Ideologie zu folgen, die neofeudale Zustaende rekreiert.
Aber das fuehrt hier zu weit.
Die die Du genannt hast sind jedoch hoch bezahlte "Agenten", die sich ganz bewusst und zu 200% den Prinzipien der Principal Agent Theorie verpflicht fuehlen. Andere wuerde ich auch dazu zaehlen wollen.
Nettigkeit hin oder her, sie werden  die Interessen der Shareholder soweit sie mit den eigen Interessen zusammen fallen gnadenlos durchsetzen. Mitbestimmung oder ein partizipativer Fuehrungsstil haben keinen Platz in dieser Ideologie. Der Gedanke des Interessenausgleichs kommt in der neoliberalen Denkwelt nicht vor.
Dort gibt es nur den Markt, auf dem das Recht des wirtschaftlich staerkeren gilt und der die Dinge bzw. den Ausgleich einzig und allein ueber den Preis zu regeln sucht.
Aspekte die nicht in Form von Rechnungseinheiten in ein Spreizblatt oder eine Entscheidungsmatrix passen, sind nicht relevant. Das Versuche das zu aendern und damit den "schweren" Job dieser Herren noch schwerer zu machen, als Gejammer abgeschmetter werden, dokumentiert nur das, was ich oben als radikale Ausklammerung bezeichnet habe.
Denn neben dem Shareholdervaluekonzept ist die damit einhergehende
Selbstimmunisierung gegen jegliche Kritik ein wesentlicher Bestandteil
der neoliberalen Ideologie und der neoklassichen Wirtschaftstheorien.
Jeder Depp kann innerhalb einer halben Stunde nachweisen, dass der
Markt keine funktionierende Regelung im Sinne der Regelungstechnik
darstellt. Trotzdem ist er (der Markt und leider nicht der Depp) in dieser Denkwelt die Loesung fuer alles,
(da sich damit andere Loesungsfindungsprozesse, wie z.B. durch demokratische Wahlen gefundene Mehrheiten geschickt aushebeln lassen).
Der Konsens des Marktes ist in Wahrheit nichts anderes, als das Recht des wirtschaftlich Staerkeren und das gilt in dieser Denke ausschliesslich!
Und wird im Zweifelsfall auch militaerisch durchgesetzt (oder mit der dezenten Frage nach der Loyalitaet).

Die Tragik der Allmende ist ein Fakt. Warum Kommunismus keine Alternative darstellen konnte,
belegt der Blick in jede oeffentliche Toilette die bis heute nicht privatisiert wurde.

2c) Und damit waeren wir bei den Chinesen, die nun auch nur Menschen sind. Allerdings unter einer kommunistischen Fuehrung, die Einheitspartei und Einheitsgewerkschaft aus einem Guss bietet. Dort sind es nicht Shareholdervalue und die Freiheit des Marktes mit der jede Sauerei gerechtfertigt wird, sondern dort sind es Maos alles ueberragende Weisheit und die Vision vom Arbeiter und Bauern Paradies mit denen die 60% Knopfdruecker bei der Stange gehalten werden.
Und die 40% potentiellen Dissidenten werden durch exemplarische oeffentliche Hinrichtungen von Querdenkern eingeschuechtert. Solche Systeme lassen sich nicht durch Isolierung oeffnen (siehe Kuba, Nord Korea) aber auch nicht durch den massiven Export von Arbeitsplaetzen sondern, wenn ueberhaupt nur durch kontinuierlichen politischen Dialog (siehe DDR).  Im Fall USA China haben sich zwei Giganten in einem Mass wirtschaftlich aneinander gekettet, das bei weitem die politische Dialogfaehigkeit der Beiden uebersteigt. Die grosse Gefahr die daraus entsteht, besteht in einem potentiellen Waffengang zur Loesung der Interessenkonflikte.

3) Jeder von uns hat nur ein Leben. Ich habe gelernt, das wenn es Sinn haben soll, die Suche nach Sinn sinnlose Zeitverschwendung ist und nur eins uebrig bleibt. Man muss dem eigenen Leben selber einen Sinn geben! Wie das gehen soll, wenn man nicht mehr nachvollziehen kann, was das eigene Verhalten oder die eigene Arbeit bewirkt, hat sich mir nie erschlossen. Dahermein projekt Reisfarm.
Das Nachbarwiesen immer gruener scheinen als die auf der man gerade steht, ist auch eine wahre Beobachtung. Aber wenn es soweit geht, das man sich in einem Milgramexperiment wiederfindet und sich vor die Wahl gestellt sieht Menschen und/oder Werte die einem wichtig sind, zu missachten, dann hoert die Geduld bei mir auf.

Und das Argument "Wenn ich die Frau nicht vergwaltigt haette, dann haette es sicher der widerliche Grobian an der naechsten Ecke getan", akzeptiert kein Richter. 

Das sich jeder angesichts einer solch verfahrenen Situation sein rettendes Eck sucht aus dem er noch Kraft und Hoffnung schoepft ist auch klar. Beim einen ist es Familie und Haeuschen, beim anderen ein Hobby usw. usw. . Wurde mir im Geschichtsuntericht als Biedermeier Phaenomen nahe gebracht.

Uebrigens, franzoesische Belegschaften, die ihre grosskotzigen amerikanischen Knopfdruecker mal fuer ein paar Tage in Gewahrsam nehmen, um ihnen die Ideale der Aufklaerung und der franzoesischen Revolution nahe zu bringen, haben meine Sympathie. Dabei spielt der Reisepass bei mir keine Rolle sondern der Standpunkt der Personen. 

Deinen Ansatz finde ich gut. Wortmeldungen und Pfiffe bei verbloedenden Verkaufsveranstaltungen fuer den naechsten Rueckschritt zur Sicherstellung des Fortschritts auch. Abteilungsmeetings, die dem Volk eine Plattform bieten ihre Sicht der Dinge zu artikulieren auch. Was aber ganz sicher geschehen muss, ist, das das unhaltbare Theoriegebaeude und damit die Glaubwuerdigkeit dieser Heinis mal grundsaetzlich in Frage gestellt wird, und zwar von Ingenieuren, die das Thema Wirtschaft mal systemtheoretisch analysieren und den unhaltbaren neoliberalen Mist als solchen entlarven und auskehren.


Sapere aude!

Georg

  














Sonntag, 20. Dezember 2009

Fw: Durchbruch bei Modelbildung

----- Original Message -----
From: Georg Trappe
To: Norbert
Sent: Monday, December 14, 2009 4:24 PM
Subject: Durchbruch bei Modelbildung

Hallo Norbert,
wie Du weisst protestiere ich schon eine ganze Weile gegen die aus Sicht eines Ingenieurs unhaltbaren Dogmen und Theorien der sog. Mainstream Oekonomie. Parallel dazu habe ich ueber verschiedene Modelansaetze versucht, meine Argumentation analytisch zu untermauern.
Bisher war ich mit den Ergebnissen nur maessig zufrieden, da sie auf zu umstaendlichen und in einer Diskussion kaum transportierbaren Konstrukten beruhten. Inzwischen bin ich aber soweit, dass ich "Georgs kleine Volkswirtschaft" als rel. einfaches analytisches Model gekoppelter nichtlinearer Differentialgleichungen darstellen kann, mit allen Implikationen, die sich daraus ergeben.
Wenn also schon ein derart stark vereinfachtes Gebilde wie "Georgs kleine Volkswirtschaft" (Du erinnerst Dich vielleicht an das Bildchen und das Spreizblatt dazu) nachvollziehbar zu einem mathematischen Konstrukt fuehrt, der in der Systemtheorie als komplex chaotisch bekannt ist, wie kann man dann glauben mit inkonsistenten Gleichgewichtstheorienein um ein Vielfaches komplexeres Gebilde hinreichend beschreiben zu koennen, geschweige denn steuern zu koennen?Ich werde mal versuchen das Ganze in einfache Worte zu fassen, um es Dir dann mit der Bitte um kritische Begutachtung zuzuschicken.
Gruss,
Georg  

Donnerstag, 23. Juli 2009

Provokation

Ich sehe im Benvenuto Zitat eine Ermahnung kein Dogma.
Dr. Sergio Benvenuto und seine Mitarbeiter am ISTC in Rom und Padua haben unter anderem hervorragende Arbeit geleistet auf den Gebieten der Psychologie und der Artificial Intelligence, Artificial Life, Artificial Societies.
Die Aufgabenstellung sozialwissenschaftliche Erkenntnisse so zu formalisieren, das sie mit den technischen Möglichkeiten von Computern sinnvoll verknüpft und mit den numerischen Methoden der Mathematik zu bedeutungsvollen Modellen, Simulationen und Programmen umgesetzt werden können, hat wirklich bemerkenswerte Erkenntnisse zu Tage gefördert. In meinen Augen ist das von mir angeführte Zitat, die bestmögliche Kurzzusammenfassung dieser Ergebnisse.
Und die liegen eben auffällig nahe an den Ergebnissen, die ein Edward N. Lorenz in den 60ern bei dem Versuch einer Computer gestützten Wettervorhersage zu Tage gefördert hat!
Ihr “muss Kontinuität angenommen werden” gefällt mir nicht. Warum muss?
Warum muss unser lineares Denken und die lineare Mathematik in der Lage sein “dynamisch nicht lineare Systeme” hinreichend gut zu beschreiben?
Nur weil wir nichts anderes zur Hand haben?
Das kann nicht funktionieren.
Vielmehr muss es, wie geschehen, in die Irre führen.
Ich kann nicht mit einer Newton Mechanik quantenphysikalische Effekte beschreiben.
Es geht bei bestem Willen nicht.
Und um auf Kant zurück zu kommen.
Ich rede nicht einem Fatalismus das Wort, wo sich jeder aus seiner Verantwortung abmelden kann und sich hinter einer Chaostheorie verstecken kann. Ich bekämpfe derartige Ansätze ganz entschieden, nämlich eben dann, wenn man in anderer Form, z.B. mit den sog. magischen Händen des Marktes oder sog. anonymen Systemfehlern oder dem Prinzip von Befehl und Gehorsam der menschlichen Tendenz sich der Verantwortung zu entziehen Vorschub leistet.
Die Ergebnisse des Milgram Experiments sind eine erschütternde Tatsache. Sie wurden vor nicht all zu langer Zeit durch Jerry Burger im schönen Santa Clara, Kalifornien wiederholt und bestätigt.
Ich habe mich selber zum Beispiel dafür gemacht, wie leicht wir uns in die verführerischen Fallen der Schuldzuweisung und/oder Rechtfertigung begeben, um einen Teil unserer Verantwortung, der wir nicht entkommen können, los zu werden (s.o.).
Wenn man das alles weiss, wie kann man dann einer Ökonomie das Wort reden, die in den letzten Jahrzehnten eine gigantische Wissens- und Kontrollillusion aufgebaut hat, die nun vor unseren Augen zusammen bricht?
Wie kann man einer Oekonomie das Wort reden, die es offensichtlich den Akteuren auf beiden Seiten des Kontrakts erlaubt sich reihenweise aus der Verantwortung abzumelden?
Wie kann man einer Oekonomie das Wort reden, in der gigantisches Kapital wie einen Abrissbirne in Volkswirtschaften und Industrien einschlägt, nur um sie nach einer transienten Opportunität zerstört oder stark beschädigt zurück zu lassen?
Ich betrachte Gewissen und Verantwortungsgefühl als regelungstechnische Mechanismen auf der Ebene des Individuums. Wer Lehren und Dogmen in die Welt setzt, die diese elementaren Mechanismen ausser Kraft setzen, beschädigt die Gesellschaft.
Bitte, verstehen Sie das oben geschriebene nicht als Angriff oder rethorische Retourkutsche. Es ist verzweifelte Provokation an das Denken ausserhalb gewohnter Bahnen.

Sapere aude!

Georg Trappe

Sonntag, 19. Juli 2009

Fundamentalkritik

Ich gehe weiter in meiner fundamentalen Kritik. Ich bin der Meinung, daß es sich nicht um eine Schwäche der Gleichgewichtstheorie handelt, sondern um eine grundsätzlich falsche Theorie.
Das Fundament ist kein Fundament.
Aus der stabilisierenden Gegenkopplung kann jederzeit eine Mitkopplung werden, die zur eskalierenden Oszillationen führt. Abhängig von der subjektiven Wahrnehmung der beteiligten Elemente des Regelkreises.
Das eine falsche Theorie und der Mangel an akademischer Bescheidenheit blind machen können, ist richtig. Dafür gibt es etliche Beispiele, auch in den Naturwissenschaften.
Der daraus resultierende Versuch sich die Realität theoriekonform zurecht zu biegen, ist allerdings fatal, da es dem Prinzip der Evolution widerspricht, nachdem nur die überleben, die sich am besten anpassen bzw. in der Lage sind realitätskonformes und damit tatsächliches Wissen zu nutzen. Zur Zeit versuchen Staaten und Notenbanken mit Unsummen die Beteiligten zu bestechen, sich doch bitte wieder theoriekonform zu verhalten. Ob das gelingen wird, ist nach wie vor fraglich.
Die Tatsache, daß unbewiesene Theorien, also Glaubenssätze, über Jahrzehnte hinweg als Wissen in den Eliteschulen dieser Welt an den Mann und die Frau gebracht wurden, ist eine entscheidene Ursache für die Katastrophe. Der leider viel zu früh verstorbene Herr Ghoshahl hat da erste Ansätze einer selbstkritischen Erkenntnis in der eigenen Zunft gezeigt.
Das ist aber die Ausnahme. Leider ist das nicht zugeben können, daß man weiß, das man nichts weiß, die beschämende Regel. Manche, wie z.B. Herr Prof. Sinn, versuchen sich und ihren Mitstreitern sogar Generalabsolution zu erteilen, in dem sie anonyme Systemfehler als Ursache aus machen, nachdem das Wegdelegieren der Verantwortung an die magischen Hände des freien Marktes nicht so ganz funktionieren möchte.
Einen schönen Sonntag wünscht,
Georg Trappe

Donnerstag, 5. Februar 2009

Der wahre Wert von 10 US$

----- Original Message -----

Sent: Tuesday, April 08, 2008 7:59 AM
Subject: Der wahre Wert von 10 US$


> Hallo Norbert,
>
> erstmal vielen Dank fuer Deine schnelle Antwort.
> Es ist also eine Sache der Bewertung. In Deinem
> Beispiel schreibt der Haendler, der feststellen muss,
> das er Heizreis anstatt Essreis fuer sein Geld
> bekommen hat, die vermeintliche Wertdifferenz ab.
> Wer aber sagt mir, das die neue Bewertung richtiger
> ist als die alte? Vielleicht gibt es ja Leute die fuer
> ein Kilo ranzigen Heizreis das doppelte Zahlen wie
> fuer ein Kilo wohl duftenden Essreis.
> Ich denke ich kenne deine Antwort auf diese Frage.
>
> Es ist der Markt, der die Bewertung vornimmt.
>
> Wenn der "arme" Heizreisbesitzer jetzt aber so kreativ
> ist aus der Not eine "Tugend" zu machen und wie
> oben angedeutet nicht nur einen Markt sondern
> auch einen Hype fuer Heizreis kreiert, dann ist er
> doch wieder fein raus, oder? Und alles ist wieder
> in bester Ordnung, oder? Bis die Welt entdeckt,
> das der Heizreishaendler ein Scharlatan war, weil
> man genausogut "billigen" Essreis zum Heizen nehmen
> kann als doppelt so teuren stinkigen Heizreis.
>
> Am Ende bleibt die Frage, ob der Markt eine
> genuegend vernuenftige Instanz ist, der man alleine
> solche Bewertungen und damit auch Allokationsentscheidungen
> (Essen oder Heizen) ueberlassen kann?
>
> Und dieses Fragezeichen wird noch groesser,
> wenn man bedenkt, das nachdem dieser Markt
> den Preis ermittelt hat, sich der Preis in Lohn fuer
> die entlang der Wertschoepfungskette geleistete
> Arbeit, Gewinn fuer die Besitzer der Wertschoepfungskette
> und Steuern fuer den Staat indem die Wertschoepfung
> statt fand, aufteilt. Das heisst naemlich, das der Markt
> und dieser Aufteilungsalgorithmus die Wertschaetzung
> menschlicher Arbeit vornimmt. Da es Menschen geben
> soll, die sich mit ihrer Arbeit identifizieren und sich
> zum Teil ueber ihre Arbeit definieren und dabei Gefuehle
> wie Stolz und Befriedigung entwickeln frage ich mich,
> ob die "Wertschaetzung" (manchmal sind die Worte der
> deutschen Sprache geradezu genial) dieser Menschen
> und der durch sie geleisteten Arbeit beim Markt alleine
> in guten Haenden ist.
> Das ein Bauer, der durch harte Arbeit ein in seinen Augen
> wertvolles Lebensmittel erzeugt hat, sauer wird, wenn er
> erfaehrt, das der Lohn den er dafuer erhalten hat, so
> gering ist, das sich auf der anderen Seite der Erde
> Leute leisten koennen damit zu heizen, ist mir zumindest
> klar.
> Damit haetten wir dann den zweiten ganz offensichtlichen und
> schwerwiegenden Mangel des als Allheilmittel propagierten
> Marktes neben den frueher benannten mechanischen Maengeln.
> Der Markt ist bestenfalls eindimensional und wird den Menschen
> und der zu Recht von ihnen erwarteten Wertschaetzung (nicht nur
> ihrer Arbeit) nicht gerecht.
> Nun aber zurueck zu den Haendlern, seien es nun Heizreishaendler
> oder (Wert)Papierhaendler, denen der Markt erlaubt fuer kreative
> Kreationen jeder Art einen Hype zu entfachen, der offenbar zu
> massiven Fehlallokationen fuehrt, die die Geldversorgung bzw.
> Lebensmittelversorgung ernsthaft gefaehrden koennen und damit die
> Fundamente einer jeden modernen Gesellschaft untergraben koennen.
> Wer solchen Gaunern nicht das Handwerk legt, sondern vielmehr
> ihnen den Zugang zum Markt garantiert und sie letztendlich fuer
> solche Machenschaften belohnt, der nimmt wissentlich Krisen
> vom Ausmass einer Weltwirtschaftskrise und all dem damit
> verbundenen Elend in Kauf. Das diejenigen, die das tun und die
> grenzenlose Freiheit des Marktes predigen, gleichzeitig Buergerrechte
> massiv beschneiden und eine Kontroll- und Bespitzelungsmanie
> entwickeln, die ihres gleichen sucht, erscheint mir ebenfalls
> bemerkenswert.
> Daher zu Deiner Frage nach dem wahren Wert von 10 US$
> hier mein Beispiel:
> Wenn ich mich auf der Wall Street als Schuhputzer betaetige,
> am besten mit geschwaerztem Gesicht, dann erhalte ich fuer
> das Putzen von zehn paar Schuhen von den feinen Bankern,
> je einen Dollar. Zusammen also besagte 10 US$. Damit haetten
> wir eine erste Bewertung, nicht nur meiner Arbeit sondern auch
> des Dollars. Mit diesen 10$ kann ich seit kurzem einen Anteil
> an Bear Stearns kaufen oder aber 5 Optionen a 2$ die mir das
> Recht verbriefen Bear Stearns in einem Jahr zum Preis von
> 10$ zu kaufen. Ich koennte auch um die Ecke gehen und mir
> ein supersized BigMac Menu rein ziehen oder bei Starbucks
> ein Cafe Late im extra grossen Papbecher und ein klebriges
> Croissant dazu kaufen. Jenachdem wie die zehn Banker so drauf sind
> nachdem ich Ihnen die Schuhe geputzt habe, kann es sein das
> morgen der eine oder andere der genannten Deals nicht mehr
> funktioniert. Vielleicht weil einer von Ihnen bei JP Morgan das
> Angeot fur BS erhoeht hat, dann waeren die Optionen ja schon
> im Geld ;-), oder weil ein anderer so richtig Geld in den Kaffeemarkt
> gepumpt hat und die naechsten 1000 Schiffsladungen nach
> Europa umgeleitet hat. Der Entscheidungsdruck ist also enorm.
> Nehmen wir an, ich entscheide mich klassisch fuer das supersized
> BigMac Menu, da gibts auch ne Cola dabei und der Duennpfiff
> danach ist auch nicht schlecht. Dann waren 10$ heute 10 mal
> Schuhe putzen und ein supersized BigMac Menu wert. Was sie
> morgen wert sind weiss ich noch nicht, das haengt von den Bankern
> ab, aber ich werd mein Bestes geben und ihre Schuhe auf Hochglanz
> putzen und hoffentlich dafuer wieder jeweils einen Dollar bekommen.
> Ob wieder zehn Banker kommen ist zur Zeit nicht sicher, wie man
> hoert schmeissen die da gerade kraeftig Leute bei den Banken raus.
> Aber irgendwo zwischen 5 und 10 werdens schon werden. Was also
> den wahren Wert von 10$ betrifft kann ich nur sagen 10 mal
> Schuhe putzen, den Rest machen die feinen Kerls mit den blanken
> Schuhen fuer uns aus.
>
> Sapere aude!
>
> Georg
>

Sapere aude!

All denen, die nun moeglicherweise feststellen, das sie den falschen Herren und Ideologien gedient haben, empfehle ich die folgenden Zeilen des Herrn Kant.


Berlinische Monatsschrift.
1784.
Zwölftes Stük. December.

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1.
Beantwortung der Frage:
Was ist Aufklärung?
(S. Decemb. 1783. S. 516.)
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen [482≡] (naturaliter majorennes), dennoch gerne Zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt der für mich die Diät beurtheilt, u. s. w. so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Theil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben, und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften; so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemahl Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern, und schrekt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Un[483≡]mündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen, und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung thun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher giebt es nur Wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wikkeln, und dennoch einen sicheren Gang zu thun.

Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende, sogar unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens, finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werths und des Berufs jedes Menschen selbst zu denken um sich verbreiten werden. Besonders ist hiebei: daß das Publikum, welches zuvor von ihnen unter dieses Joch gebracht worden, sie hernach selbst zwingt darunter zu bleiben, wenn es von einigen seiner Vormünder, die selbst aller Aufklärung unfähig sind, dazu auf[484≡]gewiegelt worden; so schädlich ist es Vorurtheile zu pflanzen, weil sie sich zuletzt an denen selbst rächen, die, oder deren Vorgänger, ihre Urheber gewesen sind. Daher kann ein Publikum nur langsam zur Aufklärung gelangen. Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotism und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrükkung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zu Stande kommen; sondern neue Vorurtheile werden, eben sowohl als die alten, zum Leitbande des gedankenlosen großen Haufens dienen.

Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stükken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsonnirt nicht! Der Offizier sagt: räsonnirt nicht, sondern exercirt! Der Finanzrath: räsonnirt nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonnirt nicht, sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonnirt, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!) Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich? welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? – Ich antworte: der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zu [485≡] Stande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern. Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten, oder Amte, von seiner Vernunft machen darf. Nun ist zu manchen Geschäften, die in das Interesse des gemeinen Wesens laufen, ein gewisser Mechanism nothwendig, vermittelst dessen einige Glieder des gemeinen Wesens sich bloß passiv verhalten müssen, um durch eine künstliche Einhelligkeit von der Regierung zu öffentlichen Zwekken gerichtet, oder wenigstens von der Zerstörung dieser Zwekke abgehalten zu werden. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt, zu räsonniren; sondern man muß gehorchen. So fern sich aber dieser Theil der Maschine zugleich als Glied eines ganzen gemeinen Wesens, ja sogar der Weltbürgergesellschaft ansieht, mithin in der Qualität eines Gelehrten, der sich an ein Publikum im eigentlichen Verstande durch Schriften wendet; kann er allerdings räsonniren, ohne daß dadurch die Geschäfte leiden, zu denen er zum Theile als passives Glied angesetzt ist. So würde es sehr verderblich sein, wenn ein Offizier, dem von seinen Oberen etwas anbefohlen wird, im Dienste [486≡] über die Zwekmäßigkeit oder Nützlichkeit dieses Befehls laut vernünfteln wollte; er muß gehorchen. Es kann ihm aber billigermaßen nicht verwehrt werden, als Gelehrter, über die Fehler im Kriegesdienste Anmerkungen zu machen, und diese seinem Publikum zur Beurtheilung vorzulegen. Der Bürger kann sich nicht weigern, die ihm auferlegten Abgaben zu leisten; sogar kann ein vorwitziger Tadel solcher Auflagen, wenn sie von ihm geleistet werden sollen, als ein Skandal (das allgemeine Widersetzlichkeiten veranlassen könnte) bestraft werden. Eben derselbe handelt demohngeachtet der Pflicht eines Bürgers nicht entgegen, wenn er, als Gelehrter, wider die Unschiklichkeit oder auch Ungerechtigkeit solcher Ausschreibungen öffentlich seine Gedanken äußert. Eben so ist ein Geistlicher verbunden, seinen Katechismusschülern und seiner Gemeine nach dem Symbol der Kirche, der er dient, seinen Vortrag zu thun; denn er ist auf diese Bedingung angenommen worden. Aber als Gelehrter hat er volle Freiheit, ja sogar den Beruf dazu, alle seine sorgfältig geprüften und wohlmeinenden Gedanken über das Fehlerhafte in jenem Symbol, und Vorschläge wegen besserer Einrichtung des Religions- und Kirchenwesens, dem Publikum mitzutheilen. Es ist hiebei auch nichts, was dem Gewissen zur Last gelegt werden könnte. Denn, was er zu Folge seines Amts, als Geschäftträger der Kirche, lehrt, das stellt er als etwas vor, in Anse[487≡]hung dessen er nicht freie Gewalt hat nach eigenem Gutdünken zu lehren, sondern das er nach Vorschrift und im Namen eines andern vorzutragen angestellt ist. Er wird sagen: unsere Kirche lehrt dieses oder jenes; das sind die Beweisgründe, deren sie sich bedient. Er zieht alsdann allen praktischen Nutzen für seine Gemeinde aus Satzungen, die er selbst nicht mit voller Ueberzeugung unterschreiben würde, zu deren Vortrag er sich gleichwohl anheischig machen kann, weil es doch nicht ganz unmöglich ist, daß darin Wahrheit verborgen läge, auf alle Fälle aber wenigstens doch nichts der innern Religion widersprechendes darin angetroffen wird. Denn glaubte er das letztere darin zu finden, so würde er sein Amt mit Gewissen nicht verwalten können; er müßte es niederlegen. Der Gebrauch also, den ein angestellter Lehrer von seiner Vernunft vor seiner Gemeinde macht, ist bloß ein Privatgebrauch; weil diese immer nur eine häusliche, obzwar noch so große, Versammlung ist; und in Ansehung dessen ist er, als Priester, nicht frei, und darf es auch nicht sein, weil er einen fremden Auftrag ausrichtet. Dagegen als Gelehrter, der durch Schriften zum eigentlichen Publikum, nämlich der Welt, spricht, mithin der Geistliche im öffentlichen Gebrauche seiner Vernunft, genießt einer uneingeschränkten Freiheit, sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen und in seiner eigenen Person zu sprechen. Denn daß die Vormünder des Volks [488≡] (in geistlichen Dingen) selbst wieder unmündig sein sollen, ist eine Ungereimtheit, die auf Verewigung der Ungereimtheiten hinausläuft.

Aber sollte nicht eine Gesellschaft von Geistlichen, etwa eine Kirchenversammlung, oder eine ehrwürdige Klassis (wie sie sich unter den Holländern selbst nennt) berechtigt sein, sich eidlich unter einander auf ein gewisses unveränderliches Symbol zu verpflichten, um so eine unaufhörliche Obervormundschaft über jedes ihrer Glieder und vermittelst ihrer über das Volk zu führen, und diese so gar zu verewigen? Ich sage: das ist ganz unmöglich. Ein solcher Kontrakt, der auf immer alle weitere Aufklärung vom Menschengeschlechte abzuhalten geschlossen würde, ist schlechterdings null und nichtig; und sollte er auch durch die oberste Gewalt, durch Reichstäge und die feierlichsten Friedensschlüsse bestätigt sein. Ein Zeitalter kann sich nicht verbünden und darauf verschwören, das folgende in einen Zustand zu setzen, darin es ihm unmöglich werden muß, seine (vornehmlich so sehr angelegentliche) Erkenntnisse zu erweitern, von Irrthümern zu reinigen, und überhaupt in der Aufklärung weiter zu schreiten. Das wäre ein Verbrechen wider die menschliche Natur, deren ursprüngliche Bestimmung gerade in diesem Fortschreiten besteht; und die Nachkommen sind also vollkommen dazu berechtigt, jene Beschlüsse, als unbefugter und frevelhafter Weise genommen, zu verwerfen. Der Probierstein [489≡] alles dessen, was über ein Volk als Gesetz beschlossen werden kann, liegt in der Frage: ob ein Volk sich selbst wohl ein solches Gesetz auferlegen könnte? Nun wäre dieses wohl, gleichsam in der Erwartung eines bessern, auf eine bestimmte kurze Zeit möglich, um eine gewisse Ordnung einzuführen; indem man es zugleich jedem der Bürger, vornehmlich dem Geistlichen, frei ließe, in der Qualität eines Gelehrten öffentlich, d. i. durch Schriften, über das Fehlerhafte der dermaligen Einrichtung seine Anmerkungen zu machen, indessen die eingeführte Ordnung noch immer fortdauerte, bis die Einsicht in die Beschaffenheit dieser Sachen öffentlich so weit gekommen und bewähret worden, daß sie durch Vereinigung ihrer Stimmen (wenn gleich nicht aller) einen Vorschlag vor den Thron bringen könnte, um diejenigen Gemeinden in Schutz zu nehmen, die sich etwa nach ihren Begriffen der besseren Einsicht zu einer veränderten Religionseinrichtung geeinigt hätten, ohne doch diejenigen zu hindern, die es beim Alten wollten bewenden lassen. Aber auf eine beharrliche, von Niemanden öffentlich zu bezweifelnde Religionsverfassung, auch nur binnen der Lebensdauer eines Menschen, sich zu einigen, und dadurch einen Zeitraum in dem Fortgange der Menschheit zur Verbesserung gleichsam zu vernichten, und fruchtlos, dadurch aber wohl gar der Nachkommenschaft nachtheilig, zu machen, ist schlechterdings unerlaubt. Ein Mensch kann zwar für seine Person, [490≡] und auch alsdann nur auf einige Zeit, in dem was ihm zu wissen obliegt die Aufklärung aufschieben; aber auf sie Verzicht zu thun, es sei für seine Person, mehr aber noch für die Nachkommenschaft, heißt die heiligen Rechte der Menschheit verletzen und mit Füßen treten. Was aber nicht einmal ein Volk über sich selbst beschließen darf, das darf noch weniger ein Monarch über das Volk beschließen; denn sein gesetzgebendes Ansehen beruht eben darauf, daß er den gesammten Volkswillen in dem seinigen vereinigt. Wenn er nur darauf sieht, daß alle wahre oder vermeinte Verbesserung mit der bürgerlichen Ordnung zusammen bestehe; so kann er seine Unterthanen übrigens nur selbst machen lassen, was sie um ihres Seelenheils willen zu thun nöthig finden; das geht ihn nichts an, wohl aber zu verhüten, daß nicht einer den andern gewaltthätig hindere, an der Bestimmung und Beförderung desselben nach allem seinen Vermögen zu arbeiten. Es thut selbst seiner Majestät Abbruch, wenn er sich hierin mischt, indem er die Schriften, wodurch seine Unterthanen ihre Einsichten ins Reine zu bringen suchen, seiner Regierungsaufsicht würdigt, sowohl wenn er dieses aus eigener höchsten Einsicht thut, wo er sich dem Vorwurfe aussetzt: Caesar non est supra Grammaticos, als auch und noch weit mehr, wenn er seine oberste Gewalt so weit erniedrigt, den geistlichen Despotism einiger Tyrannen [491≡] in seinem Staate gegen seine übrigen Unterthanen zu unterstützen.

Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung. Daß die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im Ganzen genommen, schon im Stande wären, oder darin auch nur gesetzt werden könnten, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines Andern sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel. Allein, daß jetzt ihnen doch das Feld geöffnet wird, sich dahin frei zu bearbeiten, und die Hindernisse der allgemeinen Aufklärung, oder des Ausganges aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, allmälig weniger werden, davon haben wir doch deutliche Anzeigen. In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung, oder das Jahrhundert Friederichs.

Ein Fürst, der es seiner nicht unwürdig findet, zu sagen: daß er es für Pflicht halte, in Religionsdingen den Menschen nichts vorzuschreiben, sondern ihnen darin volle Freiheit zu lassen, der also selbst den hochmüthigen Namen der Toleranz von sich ablehnt: ist selbst aufgeklärt, und verdient von der dankbaren Welt und Nachwelt als derjenige gepriesen zu werden, der zuerst das menschliche Geschlecht der Unmündigkeit, wenigstens von Seiten der Regierung, entschlug, und Jedem frei ließ, sich [492≡] in allem, was Gewissensangelegenheit ist, seiner eigenen Vernunft zu bedienen. Unter ihm dürfen verehrungswürdige Geistliche, unbeschadet ihrer Amtspflicht, ihre vom angenommenen Symbol hier oder da abweichenden Urtheile und Einsichten, in der Qualität der Gelehrten, frei und öffentlich der[1] Welt zur Prüfung darlegen; noch mehr aber jeder andere, der durch keine Amtspflicht eingeschränkt ist. Dieser Geist der Freiheit breitet sich auch außerhalb aus, selbst da, wo er mit äußeren Hindernissen einer sich selbst mißverstehenden Regierung zu ringen hat. Denn es leuchtet dieser doch ein Beispiel vor, daß bei Freiheit, für die öffentliche Ruhe und Einigkeit des gemeinen Wesens nicht das mindeste zu besorgen sei. Die Menschen arbeiten sich von selbst nach und nach aus der Rohigkeit heraus, wenn man nur nicht absichtlich künstelt, um sie darin zu erhalten.

Ich habe den Hauptpunkt der Aufklärung, die des Ausganges der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, vorzüglich in Religionssachen gesetzt: weil in Ansehung der Künste und Wissenschaften unsere Beherrscher kein Interesse haben, den Vormund über ihre Unterthanen zu spielen; überdem auch jene Unmündigkeit, so wie die schädlichste, also auch die entehrendste unter allen ist. Aber die Denkungsart eines Staatsoberhaupts, der die erstere begünstigt, geht noch weiter, und sieht ein: daß selbst in Ansehung seiner Ge[493≡]setzgebung es ohne Gefahr sei, seinen Unterthanen zu erlauben, von ihrer eigenen Vernunft öffentlichen Gebrauch zu machen, und ihre Gedanken über eine bessere Abfassung derselben, sogar mit einer freimüthigen Kritik der schon gegebenen, der Welt öffentlich vorzulegen; davon wir ein glänzendes Beispiel haben, wodurch noch kein Monarch demjenigen vorging, welchen wir verehren.

Aber auch nur derjenige, der, selbst aufgeklärt, sich nicht vor Schatten fürchtet, zugleich aber ein wohldisciplinirtes zahlreiches Heer zum Bürgen der öffentlichen Ruhe zur Hand hat, – kann das sagen, was ein Freistaat nicht wagen darf: räsonnirt so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; nur gehorcht! So zeigt sich hier ein befremdlicher nicht erwarteter Gang menschlicher Dinge; so wie auch sonst, wenn man ihn im Großen betrachtet, darin fast alles paradox ist. Ein größerer Grad bürgerlicher Freiheit scheint der Freiheit des Geistes des Volks vortheilhaft, und setzt ihr doch unübersteigliche Schranken; ein Grad weniger von jener verschaft hingegen diesem Raum, sich nach allem seinen Vermögen auszubreiten. Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewikkelt hat; so wirkt dieser allmählig zurük auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln [494≡] nach und nach fähiger wird), und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln. *)

I. Kant.
Königsberg in Preußen, den 30.
Septemb. 1784.

Montag, 26. Januar 2009

GeorgT's "We'll see" doctrine

I found the following sentences from Sergio Benvenuto the best
possible summary of what I considered my "We'll see" doctrine.

"Stable order is always provisional and threatened by complexity.
We should finally start thinking that we all live on the edge of chaos.
For this reason, if they were truly digested, the theories of complexity
and chaos could change our way of seeing what happens in our cultures.
They lead us to mistrust all the totalising and totalitarian conceptions
which have the pretension of telling us with certainty what the world
will be like and which therefore supply us with the instruments to
dominate as we may please – or to help us submit to those who, in their
opinion, will dominate us. Living on the edge of chaos is also an
aesthetic choice: the acceptance of living joyously with the
unpredictable, the new and the unknown. Rather than being simply
the humiliation of our arrogance, it is the renunciation of the
imaginary "regular income" of determinism and the transformation of
our uncertainties into a genuine wealth to help us to survive."

Sergio Benvenuto